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Wie wäre es mit Ehrlichkeit?

“Und?”
“Was und?”
“Ja, nein, ich kauf mir lieber Toastbrot?”
“Hey, ich hab da ‘ne super neue Bar entdeckt!”

So ging es schon seit einigen Tagen. Nils, Kays Bruder, übernachtete vorläufig bei uns. Er machte bis jetzt einen ziemlich guten Eindruck und irgendwie mochte ich ihn auch. Sogar sehr, wie mir klar wurde.
Nur leider kam er aus Schwerin, was seine baldige Abreise hervorrief.
Anfänglich hatte er noch gefragt, ob ich nicht lust hätte mit zu kommen, weil ich beiläufig meinte, noch nie dort gewesen zu sein. Jetzt, wo es auf diesen Tag zuging und ich versuchte ernst zu machen, zog er panisch den Schwanz ein.

Seufzend gingen wir in die Bar, die er “neu entdeckt” hatte.
Wir saßen schweigend dort und keiner von uns beiden ergriff so wirklich das Wort. Hatten wir uns anfänglich noch relativ viel zu sagen, mündete es jetzt damit, dass er die Serviette unter seinem Drink und die vollbusige Kellnerin interessanter fand als sich mit mir zu unterhalten – naja, vorhin stand er auch schon auf derartige Damen, aber er zeigte es nicht so offensiv…
Mir zog sich unweigerlich und mit vielen Angstzuständen der Magen zusammen.

“Nils…”,fing ich an.
Er blickte auf und lächelte mich an. “Mh?”
Ich seufzte. “Ach, schon gut…”
In meinem Kopf schwirrte die Frage umher, wie lange ich noch nichts sagen wollte, wie lange ich ihm verschweigen sollte, dass es mich freuen würde, wenn er mir Schwerin zeigen würde. Nur… tja… er machte mir von Tag zu Tag deutlicher, dass er gar nicht (mehr) möchte und ich nur interessant war, als es neu und aufregend war. Ich wurde zur nervigen Gewohnheit, die man schnell mit einem anderen Adrenalinkick wechseln möchte.

So ging der Abend schleppend zu Ende. Wir liefen beide nach Hause, ohne weiter ein Wort zu wechseln.

Während ich eingerollt in meinem Bett lag und darüber nachdachte, ob es ihm egal war, wie es mir dabei ginge, oder ob ich wirklich nur eine Übergangslösung war, solange er hier seine “Heimat” hatte, traf es mich.
Die Gewissheit.
Sei es nur durch eine Art wie man jemanden begegnet, ausweicht, nichts sagt… Ja, sie tut weh.
Und ich mag ihn, kann es nicht abstellen und es wäre sinnlos es zu tun.
Doch ich musste akzeptieren, dass er nicht wollte. Nicht mal mehr mich…

Das Leben geht weiter und weiter, während irgendwo da draußen eine Katze seltsame Laute von sich gibt…

Liebe Hundebesitzer

zunächst möchte ich Ihnen meinen Glückwunsch über die Wahl des Hundes als Haustier an dieser Stelle zukommen lassen. Hunde sind oftmals eine Bereicherung für das Leben und für die ein oder andren der Kinderersatz, sofern man diesen nicht bereits mit der Wahl einer Katze wettgemacht hat.
Hunde sind kuschelige Wesen, die dem Menschen gerne gehorchen und bei gutem Training auch die Mitmenschen anbeißen und je nach Charakter auch ohne Erziehung sinnlos mit ohrenbetäubendem Gebell auf sich aufmerksam machen – die kleineren Rassen mehr als die großen, die jüngeren mehr als die des älteren Kalibers.

Wirklich, meinen Glückwunsch, ich hätte auch gerne einen Hund, wenn ich die Zeit, Lust, Motivation, Platz und ausdauernde Freude daran finden könnte.

Ausdauernde Freude – diese hört meist einige Wochen nach der Anschaffung bei vielen Hundebesitzern merklich auf.
War man anfänglich noch sehr euphorisch in der Hundepflege und Erziehung, gehört dies nach wenigen Wochen bei einigen Ihrer Sorte schon in die Vergangenheitsfloskel, wie “Am Anfang als Bello…” “Früher…” und “Als er noch jung und formbar war…”.

Wie sollte ich es Ihnen also, liebe Hundebesitzer, übel nehmen, dass Sie fortan ihren Hund, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, frei laufen lassen und die Leine als störendes Utensil empfinden, dass den Hund nur in seiner Freiheit einengt. Warum sollte man auch diese plüschigen Tiere an einer Leine halten, schließlich tun wir Menschen das mit unseren Lebensgefährten ebensowenig.

Aber genug der netten Worte.

Was ich mit diesem Beitrag einleiten wollte ist folgendes:
Wenn Ihre Kackbratze meint, er müsste in unsren Vorgarten scheißen ist das eine Sache. Ich habe gehört, dass Hundekot von Straßen und Grundstücken zu entfernen nicht so schwer ist und man als Hundehalter doch so nette Tüten mit sich nehmen kann, die den Straßenabfall des Köters präzise und schnell in ein Beutelchen platzieren kann, die man schließlich mit einem Knoten versehrt schließen kann.
Klingt doch ganz einfach und ich denke wir alle haben sogar schon im Kindergarten gelernt, wie man Knoten macht und das mehr als nur an einem Tag. Gemeinsam mit Schuhe binden, sofern ich mich recht entsinne und Schuhe binden können Sie sicherlich auch, liebe Hundehalter, oder sind Sie der Typ, der gerne zu Klettverschlüssen greift?

Noch weniger verstehe ich aber den Drang ihres vierbeinigen Pissapperates in unseren Hintergarten zu scheißen, was nicht passieren würde, wäre ja das Vieh an der Leine und Sie aufmerksam genug!
Nicht nur, dass es irgendein Haufen ist, es ist ein Haufen, den man vom Mars aus sehen könnte und formschön MITTEN in unserem Rasen sein Domizil errichtet, als hätte Ihr Scheißköter das in der Hundeschule gelernt, anstatt “Bei Fuß!” sich zu merken!

Liebe Hundebesitzer, wie würden Sie es finden wenn ich demnächst folgendes mache, selbst als gesittete junge Frau, die bisher genug Vertrauen an den gesunden Menschenverstand der hießigen Hundebesitzer hegte:
Wenn ich erwische, wie Ihre Kackschleuder dezent in unsren Garten seinen, im wahrten Sinne, beschissenen Job verrichtet, würde ich Ihnen gerne folgen (unauffällig sollte sich an dieser Stelle verstehen), warten bis Sie die Haustüre ins Schloss geworfen haben um Bello von seiner nicht vorhandenen Leine zu befreien und Ihnen dann vor die Haustüre meine Inkontinenz auslebe.
Um es für Sie “echter”, wie in unserem Falle, zu gestalten, werde ich dies nicht in einer Tüte entsorgen, oder bei Ihnen klingeln um Ihnen mitzuteilen, dass ich nicht mehr bei mir halten konnte und Sie mir eine Tüte geben könnten (alt. auf Ihre Toilette kurz gehen zu dürfen, oder gar einen Eimer und Lappen haben zu können, damit die Sauerei ein Ende findet) und Ihren Mülleimer mit dieser doch sehr unangenehmen Konsistenz in Verlegenheit zu bringen.
Nein, ich würde einfach meine Hose hochziehen, eventuell noch in Ihren Garten spucken und gehen.

Na? Wie finden wir denn das?

Ich hoffe Sie würden genauso eine Freude dabei spüren, wie wir es tun, wenn wir so einen Mount-Everest-Großen Scheißhaufen in unserem Hintergarten finden und beseitigen müssen!

Mit freundlichen Grüßen
Anja

PS: Hundebesitzer, die ihren Hund an der Leine führen, die Ausscheidungen ihres Vierbeiners beseitigen und auf die korrekte Tierhaltung wert legen, sollten sich bitte nicht angesprochen fühlen. Danke.

Dankeschön und auf wiedersehen!

Als Kinoverkäuferin hat man es teilweise echt schwer.
Ja, wirklich!
Man schlägt sich mit Filmnerds rum, mit Leuten, die diese Kunst nicht schätze und trotzdem das Lichtspielhaus aufsuchen um einfach mal in Ruhe knutschen zu können oder weil man den neuen Film mit der Jolie sehen und begutachten möchte.

An einem dieser Tage, wurde eine Kinokassenverkäuferin in der Stuttgarter Weltmetropole ziemlich genötigt. Warum sie diesen Job ausübt kann man schwer beurteilen. Immerhin ist dieser Job seriöser als auf dem Strich, einige Straßen weiter, zu arbeiten.

Zuerst musste sie sich mit zwei Frauen rumschlagen.
“Also…”, sinnierte eine von ihnen, “Wenn ich jetzt eine Karte kaufe, also normal und die andre mit Studentenausweis, dann krieg ich ja beide günstiger…”
“Nein, bekommen Sie nicht!”, konterte die Verkäuferin scharf und warf ihren Kampfhundblick den beiden zu.
“Aber die andre, die noch kommt ist auch Studentin!”, jaulte die erste und führte abartige Stehbewegungen aus, als müsse sie jeden Moment auf den Boden ihr Geschäft verrichten.
Die andre Frau schaltete sich ein. “Ja, und wenn ich meinen Studentenausweis auch noch zeige, kriegen wir’s dann billiger?”
Die Verkäuferin behielt ihren eisigen Blick bei und erklärte nicht mal sachlich, dass das nicht ginge, sie meinte einfach nur sturr “Nein, geht nicht!”
“Aber wir kennen sie!”
“Mir egal!”
Die Frauen gaben sich geschlagen, zahlten zögerlich und die 24 € mit sehr viel und sehr lange abgezähltem Kleingeld, entrissen der freundlichen Verkäuferin die Karten und gingen.

Als nächstes war ein kleiner, alter Mann mit Baskenmütze dran.
Die Verkäuferin grüßte mit einem “Guten Tag”, vorauhin nur ein “Einmal Salt”, von dem Mann kam, der irgendwie genervt zu sein schien. Von den Frauen wahrscheinlich.
“Guten Tag”, wiederholte die Verkäuferin ziemlich kühl und blickte den alten Mann genauso an.
“Ja, einmal Karten für Salt.”
“Erstmal einen Guten Tag”, beharrte die Verkäuferin und regte sich nicht.
“Könnte ich jetzt die Karten für Salt bekommen?”
“Wenn Sie mich begrüßen erstmal, dann ja!”
Der Mann blickte sie mit einer Mischung aus Gekränktheit und mit einer großen Portion Genervtheit an, was man an seinem folgenden trockenen Ausspruch ebenso deutlich anmerkte, wie die Tatsache, dass die Luft plötzlich ziemlich dünn wurde: “Wenn ich mich unterhalten möchte, geh ich nach Hause und spreche mit meiner Frau! Und jetzt einmal Salt, BITTE!”

“Ich hab dann zu meinem Begleiter nur gesagt, ‘SAG BLOSS HALLO!’ und was macht der ‘Ich hätte gerne Karten für den Film’ “, wurde mir lachend weiter erzählt, während ich mit einer Schere meinen verloren geglaubten USB-Stick aus der Tischritze befreite…

Männerfreundschaften

Und dann wird dir langweilig.

Na gut, es war nicht wirklich diese Art von Langeweile, von der man dachte, dass sie einem erschlägt. Dass man wirklich keine Ahnung hatte, dass man nichts zu tun hätte.
Eher “Ich hab keine Lust was zu tun!”

Diese Art von Langeweile trieb mich in die Bar, in der ich auf Charlie traf, der wie immer den aktuellsten Stadtklatsch für mich parat hatte.
“Übrigens, du erinnerst dich doch noch an deinen Lover, den du hier angeschleppt hast?”, grinste Charlie mich an und ich wusste nicht, welchen er damit meinte, was mich selbst irritierte.
“Wen genau?”
“Na, dieses christliche Bübchen, mit der Milch!”
“Oh… Todd! … Ja… was ist mit ihm?” Ich verschwieg peinlichst die Information, dass er mich nach unsrem Treffen nicht mal mehr auf der Straße anblickte und dass seine Mutter mich mitten im REWE als teuflische Brut betitelte. Symo fand es damals interessant, nur der REWE-Filialleiter, der danach verlangte, ich sollte das Weihwasser vom Boden wischen, war nicht so begeistert.
Und Kay konnte es gerade noch verhindern, dass darüber ein Artikel im Wochenblatt abgedruckt wurde. Der Journalist hatte mit der Überschrift “Satansbraten on the rocks” humorisierst, was ich minder lustig empfand, dafür aber einen Bekannten mehr in die Facebookliste brachte.

Charlie grinste bis über beide Ohren. “Todd hatte letztens einen Wutanfall und die halbe Kirche gegen sich aufgebracht. Seine Eltern wollten ihn ins ‘Weiße Haus’ einliefern lassen, aber er ist jetzt nach Mannheim geflüchtet.”
“Und?” So richtig wusste ich nicht, was ich mit dieser Information anfange sollte, außer einen gedanklichen “Früher oder später passiert’s eben”, einzuwerfen.
“Vielleicht interessiert es dich, dass Todds Mutter dich dafür verantwortlich macht”, lachte Charlie und stellte mir eine Cola hin.
“Damit kann ich leben”, merkte ich trocken an und fragte mich, was ich bitte für einen Abend, der vielleicht 25 Minuten andauerte, kann, in dem Todd und ich uns nicht mal richtig unterhalten hatten, weil seine Gentlemen-Ansichten übertrieben christlich sind? Wie auch immer.

“Entschuldigung?” Jemand mit einer ziemlich männlich einstufenden Stimme tippte mir auf die Schulter und quetschte sich zwischen mich und der Dame, die links neben mir vor einigen Momenten Platz gefunden hatte.
Ich blickte diesen Jemand an und musste zugeben, dass er äußert attraktiv wirkte, mich aber nur schwer mitreißen konnte.
Die Dame, die er penetrant mit seiner Rückansicht konfrontierte, schlug ihm herausfordernd auf diesen und brüllte ein äußerst filigran anmutendes “HASSU PROBLEM ALDA!!” in den Nacken. Bestimmt wird sie mit diesem Spruch auch den Vater ihrer Kinder kennenlernen, überzeugte ich mich.
Der Mann lächelte mich an und ignorierte den zärtlichen Annäherungsversuch der Dame, mit den Worten “Ich habe dich gesehen und dachte, ich spreche dich mal an.”
“Aha”, kommentierte ich das ganze und ich wusste nicht wirklich, was man zu so einem Satz noch großartiges hätte sagen können. Ehrlichweise bin ich auf Wortkonstruktionen und Subjekt, Prädikat, Objekt-Stellungen wie “Bist du öfters hier?” eher eingestellt und mehrfach konfrontiert worden, was meine Liste an Antwortmöglichkeiten mit der Zeit in schiere Ausmaße katapultierte. Nur auf diesen Satz fiel mir nichts ein, was man intelligent oder ignorant antworten könnte um in Ruhe gelassen zu werden, oder gar mehr darauß werden zu lassen, sofern die Lust darin bestünde.
Doch er ließ sich mit einem “Aha” nicht wirklich abspeisen, was mich vorerst davon überzeugte, dass er schon mal nicht damit rechnete, sein Blut woanders hinfließen lassen zu müssen. “Um ehrlich zu sein, habe ich dich hier schon öfters gesehen und du siehst nett aus.”
“Nett”, wiederholte ich mit angehobener Augenbraue und nippte kampflustig an meiner Cola.
Während die Dame ihn in den Rücken mit den Fäusten trommelte, versuchte der Kerl mit einer Handbewegung das wett zu machen, was er gerade meinte. “Also nett im Sinne von…”
“Nett”, sprang Charlie ein, stellte dem Mann ein Bierchen hin und hatte damit mit seiner Art offeriert “Hau ab, du Spasst”.
Beide blickten wir Charlie an, der mit düsterem Blick ein bereits sauberes Glas zu tode polierte. “Was ich meinte, war eher ob du lust auf ‘nen Kaffee hast”, brachte der Mann es nun über die Lippen und ich hatte noch so die Langeweile in meinem Kopf, dass ich zustimmte, wir Handynummern tauschten und er, der sich als Christian vorstellte, sich schließlich verabschiedete.

Charlie machte den Eindruck das polierte Glas sich gleich über den Kopf hauen zu wollen, blickte mich aber nur stumm an.
Unschuldig knabberte ich an einer Salzstange.
Charlie musterte weiter. “Waaas?”, fragte ich schließlich und hob ergeben meine Hände.
Er schüttelte resigniert den Kopf. “Der Typ ist mir unheimlich.”
“Dir sind alle Typen unheimlich, die in deine Bar kommen.”
“Zurecht!”

Christian und ich trafen uns einige Tage später schließlich tatsächlich zu einem Kaffee, dessen Treffen genauso ereignisreich war, wie das Aufblähen einer Boje an der Nordsee. Er erzählte viel von sich und ich wenig von mir, allein aus dem Grund, weil ihm ziemlich viel in den Sinn kam mir erzählen zu müssen.
Offener Typ eben.
Dabei erfuhr ich, dass er als Zahntechniker arbeitete und Basketball im örtlichen Sportverein, von dem ich bis dahin nichts gehört hatte, spielte. “Wenn du willst, kannst du mir ja mal zugucken”, wurde ich zwinkernd eingeladen und ich wusste sofort, dass dieser Auftritt nie stattfinden würde.
Er erzählte noch einiges mehr, nach dem zweiten Kaffee, wie beispielsweise von einigen seiner Ex-Freundinnen, von denen ich nichts hören wollte, aber unweigerlich damit konfrontiert wurde. Wehren konnte ich mich nicht, aber ihm schien es einiges hinzugefügt zu haben.

Das ganze war also nicht so schlimm und war auch nicht der Grund, warum Christian schließlich sich nie wiederbei mir meldete.
Vielmehr war es ein Anruf, den er irgendwann in einer Nacht an mich richtete.

Es war 0.45 Uhr, oder noch später, auf jeden Fall eine für mich unchristliche Zeit. Ich hatte vergessen mein Handy auszustellen. So ein Handyklingelton in voller Lautstärke in einer stillen Nacht hatte schon was adrenalinreiches.
Auf dem Display wurde Christian angezeigt und dachte ich schon, es sei etwas schlimmes passiert, da er mir öfters erzählte, dass sein Nachbar ein gewaltätiges Monstrum sei, das gerne mal Fenster einschlug.
Doch nichts dergleichen.
“Bist du noch wach?”, fragte Christian im säuseligen Tonfall und ich wusste nicht, ob ich zu ihm fahren und eins über den Schädel ziehen sollte, oder ob ich einfach ehrlich antwortete.
“Naja, bis eben habe ich noch geschlafen…”, antwortete ich etwas grummelig und rieb meine Augen.
“Oh, ich hab dich also geweckt?”
Nein, ich rede im Schlaf. Hatte ich das nie erwähnt? Manchmal wunderte ich mich, mit welch intelligenten Menschen ich mich umgebe und welche davon meine Handynummer in ihren Speicher tragen durften. “Sozusagen…”
Es herrschte Schweigen in der Leitung und ich hatte schon die Hoffnung, Christian sei eingeschlafen und konnte ohne schlechtes Gewissen auflegen. Doch nein… “Weißt du… ich rede nicht mir vielen Frauen darüber, aber…”
“Aber?” Kam seine Mutter zu besuch? Schwere Kindheit? Trauma durch sexuellen Erstkontakt?
“Weißt du…”
Ich weiß nichts!
“… ich hab gerade ‘nen harten.”
“Aha.” Perplex war noch milde ausgedrückt. Die Fragestellung ‘Wie kommt’s?” schien mir an dieser Stelle falsch, hörte es mich aber trotzdem sagen.
Christian gab ein leises, aber irgendwie angeregtes brummen von sich, was mich hellwach machte.
Ouh…
“Das ist manchmal so. Schwer abzustellen und wegzukriegen”, raunte er leise und ich fragte mich, wieso ich jetzt nicht auflegte.
“So ist das also…”
“Lust mir zu helfen?”
Ich fragte mich ernsthaft warum, da ich ihn sexuell nicht wirklich anziehend fand und auch keine anstalten machte ihm diesbezüglich Hoffnungen zu vermitteln.
“… und wie stellst du dir das vor?”
Anschließend erzählte er mir eine knappe halbe Stunde, was er mit mir alles anstellen würde und ich lag da, hörte ihm zu und teilweise fragte ich mich, warum ich das tat…

Dieses Spiel wiederholte er ein oder zweimal, erzählte mir fortan bei unseren Treffen, was der kleine Johnny (er nannte ihn wirklich so) gerade machte und wie er lag, was mein Interesse an ihm sinken ließ. Dagegen stieg die Vermutung, dass er sich nur melden wollte, wenn er gerade Spitz wie Nachbars Lumpi war und er fütterte seit diesem Abend gerne diesen Glauben.
“Übrigens…”, säuselte Christian in einem neu eröffneten Lounge, in der wir saßen und Cocktails schlürften und bisher nicht wirklich Konversation betrieben hatten, “,er zuckt gerade ein wenig.”
An diesem Punkt platzte mir der Kragen und ich verschluckte mich ausgiebig an meinem Fruchtcocktail. “Sag mal, redest du eigentlich nur noch mit mir, wenn man’s dir besorgen soll?”
“Bisher hast du’s nicht getan!”
“Aus gutem Grund!”, erwiderte ich und zog eine angewiderte Grimasse.
“Jetzt mach nicht so ein Gesicht…”, seuftze Christian.
Ich stand auf, schmiss noch ein “Wenn ich Gesichter machen könnte, hättest du schon längst ein anderes”, schnappte meine Tasche und ging.

Charlie meinte übrigens nur noch folgendes. “Hab ich’s nicht gesagt? Der Typ ist unheimlich!”

Der Drache spricht

Love ain’t perfect

Immer weiter zog ich die Decke über meinen Kopf. Und ich wollte nicht raus. Edna zog trotzdem weiter an der Hülle meiner momentanen kleinen Welt und forderte ein “Jetzt mach irgendwas, außer rumzuheulen!”
“Große Titten, Hamburg”, nuschelte ich beinah weinerlich und zog weiter die Decke über mich, bis Edna beinah resigniert diese zurückschnappen ließ.
“Titten haste auch, du bist nur nicht in Hamburg! Und das kann man schnell ändern!”, feuerte Edna ein wenig grummelig und ich konnte förmlich in der Luft spühren, wie sie ihre Arme verschränkte.
Leise seufzte ich und vergrub meinen Kopf tiefer in das nasse Kopfkissen, das ich gar nicht mehr trocken in Erinnerung hatte. Es roch nur noch ein wenig nach Alex, bildete ich mir ein.
Unachtsam wie ich war, rollte mich Edna aus dem Bett, was mich gegen meinen Kleiderschrank beförderte. “Raus mit dir, ich hab die Karten schon reserviert!”

Kay blickte mich stumm an. “Du gehst nach Hamburg.” Die Worte kamen aus ihr heraus, als hätte ich gerade Suaheli oder ähnliches gesprochen. Auf jeden Fall als wäre es nicht meine Wenigkeit, die es geäußert hätten.
“Jepp”, antwortete ich packend und versuchte nicht wieder in einen Heulkrampf zu verfallen, der mich schon seit Tagen mal mehr, mal weniger verfolgte.
Seufzend kam es. “Findest du das eine gute Idee? Vor allem mich mit deiner Tante allein zu lassen?”
“Ob es eine gute Idee ist, sei mal dahingestellt. Aber Edna kommt mit, hat sie angedroht.” Kay jubelte, stockte aber, als sie meine verheulten Augen anblickte. “Tschuldigung”, kam es leise.
Edna stolzierte in mein Schlafzimmer, mit zwei vollbepackten Reisetrollis. Sie blickte Kay und mich an und richtete ein “Fertg? Der Flieger geht gleich!”, an mich.
“Gleich?”, fragte Kay verwirrt.
Ich zuckte nur die Schultern. “Wollte schon immer mal ‘König der Löwen’ sehen…”

Einige Stunden später fand ich mich in einem Hamburger Hotel wieder, wurde an die ein oder andre Sehenswürdigkeit auf dem Weg dorthin vorbeigejagt und mir wurde vorgeschwärmt, wenn wir schon in Hamburg seien, könnten wir auch zu Christian Rach gehen. “Ich find den sooooo toll!!!”, quiekte Tante Edna und klatschte dabei erfreut in ihre Hände.
“Ja… soooooo toll”, imitierte ich sie lustlos und fasste mir genervt an den Kopf.
Noch schlimmer war, dass Edna ein Doppelzimmer arrangiert hatte, was bedeutete, ich würde meine Ruhe nicht mal in der Nacht haben. Eigentlich wollte ich wieder nach Hause, in mein Elend versinken, heulen, bis meine Augen ausfallen und hoffen, dass auch das vorbeiginge. Aber wie ich schon feststellte, war das Leben kein Ponyhof…
Lustlos ließ ich mich aufs Bett fallen und beäugte die Zimmerdecke des Hotels. Würde auch mal wieder ein neuer Anstrich guttun, stellte ich ohne jegliche Art von Gefühl fest und blinzelte benommen.
“So, mein Kind”, Edna wirkte ein wenig erwachsener, als noch vor fünf Minuten und zog mich an den Händen wieder in aufrechte Position. “Bevor wir hier irgendetwas andres tun, gehen wir erst mal zu deinem Schatz und klären das ganze. Sonst wird deine Haut schlecht und du wirkst jetzt schon sehr dehydriert.”
“Seit wann kannst du Fremdwörter”, entgegnete ich lustlos und ließ meine Hand aus Ednas gleiten. Diese blickte mich mürrisch an. “Als ob das jetzt was zur Sache tun würde. Wir brezeln dich jetzt mal auf und dann geht’s los!”
“Als ob das einen Zweck hätte…”, seufzte ich.

Gefühlte Tage später, fand ich mich tatsächlich aufgedonnert wie lange nicht mehr vor Alex Restaurant. Ja, es wirkte sehr schlicht und machte von außen den Eindruck den Alex mir ab und an vermittelte. Distanziert, aber doch voller Wärme und Vertrautheit und doch dieses kleine Etwas, das verschwiegen wird. Sei es nur eine komische Irländerin, die sich an ihn ranschmiss…
Tante Edna gab mir einen Klapps auf den Po. “Rein mit dir, oder ich schlepp dich an den Nasenlöchern rein”, grummelte sie.
Irgendwie wirkten ihre Worte und sie verabschiedete sich in Richtung Reperbahn, wo sie noch jemanden besuchen müsste. Ich fragte nicht weiter nach.
Beinah behutsam betrat ich das Restaurant und wartete vorne am Pult. Und Jacky, die alte Bekannte, die von Alex und der Irländerin erzählte, ließ nicht lange auf sich warten.
Zunächst war sie ein wenig perplex mich zu sehen, freute sich aber sichtlich und drückte mich fest an sich. “Hey”, kam es beinah mitleidig und ich hasste mich in diesem Moment so zerbrechlich zu sein. Aber ich konnte es gerade verhindern nicht anzufangen loszuflennen.
“Alles klar?”, fragte Jacky in gedämpften Tonfall und blickte mich ernsthaft interessiert an.
“Natürlich, warum sollte es das nicht? Ich heule schon seit Wochen wie ein Schlosshund, der Typ meldet sich nicht und sonst hab ich ja keine Probleme. Ja, es ist alles bestens”, antwortete ich übertrieben ironisch, was Jacky dazu veranlasste ihr Gesicht zu einem schiefen lächeln umzuformieren, was ihr nicht sonderlich stand.
Jacky blickte auf den Boden und wandte schließlich sich in den Gästeraum. “Wenn du Alex sehen willst, ist jetzt der schlechteste Zeitpunkt…”, sagte Jacky leise und sachlich und ich spührte, dass da noch mehr kommen sollte, sie es aber zurückließ.
“Aber?”, fragte ich leise und bohrte meine Finger in Jackys Arm.
Jacky schluckte merklich und blickte mir in die Augen. “Ich sag es ungern, aber es ist besser wenn du gehst. Er soll es dir selbst sagen.”
“Falls du es aus unsrem letzten Gespräch am Telefon nicht wirklich kapiert hast und ich halte dich eigentlich für eine intelligente Frau: Er meldet sich nicht. Weder am Handy, noch E-Mail oder auf andre Möglichkeiten, über die Mann sich melden kann. Also, wo ist er?”
Das einzige was aus Jacky rauszubekommen war, war ein mitleidiger Seufzer, was mich dazu veranlasste sie auf die Seite zu schieben und an ihr vorbei in das Restaurant zu gehen. Jacky stolperte hinter mir her und versuchte im leisen Ton mich zum Gehen zu animieren, hielt mich aber nicht weiter auf. Wahrscheinlich um keine Aufmerksamkeit zu erregen, was kläglich scheiterte.
Schnell fand ich Alex neues Büro, nicht weit von der Küche, stieß die Türe charmant auf und…

Wasser prasselte auf mich herab. Ich hatte mich weder ausgezogen noch sonst irgendetwas unternommen, ehe ich mich unter den Duschkopf setzte und das Wasser angestellte.
Ich weinte nicht, ich saß nur still da, spührte wie das Wasser auf mich niederprasselte und blickte starr auf den gekachelten Badboden. Ich weiß nicht wie lange ich dort saß, aber irgendwann hörte ich wie die Hoteltüre aufging und Edna gut gelaunt ihren Weg herein machte. Hörbar war auch, wie sie ihren Mantel auf’s Bett schmiss und mit einem wohligen Aufstöhnen ihre Schuhe auszog und irgendwohin beförderte.
Edna war nicht überrascht, als sie das Bad betrat und mich dort sitzen sah, wie das kleine Häufchen Elend, dass sie am Anfang ihrer Reise begutachten konnte. “Ok, was ist passiert?”, kam es von Edna im rauen Tonfall und sie schnappte sich den Badhocker unter dem Waschbecken und blickte mich an.
Während ich vor mich hinzitterte und versuchte all das was ich gesehen und gehört hatte zu verdauen, stellte Edna das Wasser ab und wartete weiter.
“Er meinte, ich war wie eine kleine Schwester für ihn, mehr nicht”, stotterte ich irgendwann, weiter meinen Blick auf den Boden gerichtet.
Edna zog aus einer ihrer Taschen eine Packung Zigaretten und zündete sich eine an. “Und seit wann vögelt man seine Schwester?”
Ich schwieg und blickte weiter starr auf den Boden. “Er mag mich, aber jetzt wo er in Hamburg ist… bin ich nur noch die gute Freundin. Mehr nicht.”
Ein genervter Seufzer drang aus Ednas Kehle und ich fing an zu weinen, wie ich es vor keine 24 Stunden mehr getan hatte.

Samstags.
Mit einer Tüte Chips und rotverquollenen Augen fand ich mich in eine Wolldecke eingemummelt vor den Fernseher wieder und ich war nicht in der Lage irgendetwas zu fühlen. Ich war noch immer wie betäubt.
Kay kam gerade nach Hause, als der Film anfing zu starten.
“Was guckst du denn an?”, fragte Kay, quetschte sich neben mich auf das Sofa und schnappte sich eine handvoll Chips.
“Die nackte Wahrheit”, antwortete ich tonlos und blickte starr in den neuen Flachbildfernsehen, den Kay sich gegönnt hatte.
Mein Mitbewohnerin seufzte und schüttelte ein wenig resigniert den Kopf. “Wie lange willst du noch trauer schieben?”
“Keine Ahnung…”
Kay blickte zu mir rüber. “Sag mal…”, fing sie an und stockte, schien zu überlegen und entschied sich wohl für die direkte Art. “Was war eigentlich in Alex Büro?”
“Er hat…”, nuschelte ich, beugte mich zu Kay rüber und flüsterte ihr den Rest des Satzes ins Ohr. Danach stopfte ich mir eine Ladung Chips in den Mund und erlebte Kay ein wenig baff.
“Oh”, kam es nur von Kay. Ich nickte nur und wiederholte. “Oh.”

Alex hatte sich auch danach nur noch spärlich gemeldet und versuchte sich in regelmäßigen Abständen rauszureden. Nach und nach erfuhr ich, dass ich eine von vielen war, wie ich es vermutet hatte. Viele Optionen wurden scheinbar freigehalten und meine Option schien nicht genügt zu haben.
Inzwischen kann ich ein wenig damit leben, auch wenn es noch immer weh tut. Aber es gibt Dinge, wo man eben durch muss und das ist einer davon.
Wenn Alex hier ist und ich ihm zufällig auf der Straße oder sonst wo begegne grüße ich nur kurz, aber mehr tue ich nicht mehr. Es ist vorbei und es dauerte lange, bis ich das realisieren konnte. Aber letztendlich klappte es… naja, ab und an nicht.